Im zeitgenössischen automobilen Operationsgebiet, dominiert von der Sterilität der SUVs und der Diktatur der Aerodynamik, öffnete sich 2016 eine Bresche. Land Rover kündigte den Abzug seiner emblematischsten Einheit an: des Defender.
Es war nicht nur das Ende eines Modells, sondern die Aufgabe einer gesamten Doktrin: die des reinen Nutzfahrzeugs, fähig, die schlimmsten Strapazen ohne Versagen zu überstehen. Der Markt stand verwaist da, ließ Profis wie Puristen ohne glaubwürdige Alternative zwischen einem kaum auffindbaren Toyota Land Cruiser und einer G-Klasse, die längst zum Luxusobjekt mutiert war.
In diesem Vakuum der Fähigkeiten startete Ineos Automotive seine Gegenoffensive.
Die Geschichte des Grenadier entspringt keinem Launenprojekt, sondern industriellem Opportunismus. Der Legende nach reifte die Idee in einem Londoner Pub heran dem „Grenadier“, wo Sir Jim Ratcliffe, Petrochemie-Magnat und erfahrener Abenteurer, das Verschwinden des rustikalen Geländearbeiters beklagte.
Angesichts der Weigerung von Land Rover, die Pläne des alten Defender herauszugeben, zog Ratcliffe sich nicht zurück. Er wendete eine klassische militärische Strategie an: Wenn der Verbündete die Ausrüstung nicht mehr liefert, baut man sie selbst. Doch mit einer entscheidenden Nuance: Man baut sie nach den Standards des 21. Jahrhunderts.
Das Ziel war klar: den spirituellen Nachfolger des Defender zu erschaffen, seine historischen Schwächen (spartanischer Komfort, wechselhafte Zuverlässigkeit) zu eliminieren und zugleich sein gnadenloses ADN zu bewahren.
Eine Automarke aus dem Nichts zu gründen, ist ein logistisches Unterfangen von titanischem Ausmaß. Anstatt das Rad neu zu erfinden, setzte Ineos auf einen hochkarätigen Systemintegrations-Ansatz. Ratcliffe stellte ein europäisches „Dream Team“ der Ingenieurskunst zusammen und wählte jede Komponente aus wie die Bewaffnung eines Kampfpanzers.
Die Anatomie des Grenadier ist ein Manifest der Robustheit:
Das Skelett: Ein Leiterrahmen aus Stahl mit geschlossenen Kastenprofilen. Das unverzichtbare Rückgrat, um extremen Verwindungen standzuhalten, während die Konkurrenz dem Lockruf der leichteren, aber weniger widerstandsfähigen Monocoque-Bauweise gefolgt ist.
Die Motorisierung: Um die Bestie anzutreiben, bediente sich Ineos beim besten Motorenbauer der Gegenwart: BMW. Die 3,0-Liter-Reihensechser (B57 und B58), gekoppelt an das 8-Gang-ZF-Getriebe, bieten unerschütterliche Zuverlässigkeit und ein verheerendes Drehmoment, das das Fahrzeug über jedes Terrain wuchtet.
Die Bodenverbindung: Hier entfaltet sich die „Heavy Duty“-Philosophie voll und ganz. Die Starrachsen stammen von Carraro, einem italienischen Spezialisten für Landmaschinen und Traktoren – eine Garantie absoluter Robustheit.
Die Orchestrierung: Die Entwicklung wurde Magna Steyr in Österreich anvertraut – den Goldschmieden, die seit vier Jahrzehnten die Mercedes G-Klasse fertigen.
Das Fahrzeug, das heute aus dem Werk in Hambach rollt (klug Mercedes abgekauft), ist ein bewusstes Anachronismus.
Das Design folgt der Funktion („Form follows function“). Die Seiten sind flach, um seitliche Ausrüstung zu tragen; das Dach ist verstärkt, um schwere Lasten zu tragen; die Stoßfänger sind segmentiert, damit sie abschnittsweise ersetzt werden können.
Im Innenraum herrscht die Atmosphäre eines Flugzeugcockpits. Ineos hat den „Alles-Touchscreen“-Ansatz verworfen und setzt auf massive, weit voneinander angeordnete physische Schalter, bedienbar mit Winter- oder Arbeitshandschuhen. Overhead-Panel, sperrbare Differenziale, Watmodus, alles ist auf unmittelbare operative Effizienz ausgelegt.
Der Ineos Grenadier beweist, dass man mit eisernem Willen und erheblichen Ressourcen gegen den Strom der Industrie schwimmen kann. Er ist ein Fahrzeug, das den Kompromiss verweigert eine mobile Festung, gebaut für zwanzig Jahre, während andere für die Obsoleszenz programmiert sind.
Für den Technikliebhaber ist der Grenadier nicht nur ein 4x4. Er ist eine Unabhängigkeitserklärung, eine Hommage an die schwere Ingenieurskunst und vermutlich der letzte echte, straßenzugelassene Kampfpanzer.